was – ist – afrigal
udo matthias drums electronic software Binzen Basel Freiburg im Breisgau
Afrigal – Computer Jazz, Schlagzeug und elektronische Klangmusik
Was ist Afrigal?
Udo Matthias
Computer als Musikinstrument
Schlagzeug, Interaktion und Echtzeit
Computer Jazz und freie Improvisation
Klang, Mathematik, Kunst und Spiritualität
Die heutige kleine Klangwelt mit TD‑15 und Software
AFRIGAL Eine Landkarte meines Denkens
Software, Schlagzeug, Interaktion, Klang und Freiheit
| Der Computer ist für mich eine Art Gefährt, mit dem man neue Landschaften – auch Klanglandschaften – entdecken kann.
Udo Matthias, Afrigal: Computer Jazz & Kandinsky |
Thematische Zusammenfassung der Website afrigal.online
Beiträge von 2017 bis August 2026
Meine alten Seiten habe ich alle gelöscht!!
Vorbemerkung: Was diese Zusammenfassung ist
Afrigal ist kein linear geschriebenes Buch. Die Website ist ein über Jahre gewachsenes Arbeitsarchiv: persönliches Notizbuch, Link-Sammlung, Musikerlexikon, technisches Labor, philosophischer Zettelkasten und künstlerische Selbstbefragung zugleich. Deshalb wäre eine bloße Kurzfassung aller Beiträge irreführend.
Diese Landkarte sucht stattdessen nach den wiederkehrenden Gedanken hinter dem Material.
Sie unterscheidet dabei drei Ebenen:
Eigene Positionen: persönliche Aussagen, Projektideen, Fragen, Erfahrungen und technische Entscheidungen.
Gesammelte Resonanzen: Künstlerinnen und Künstler, Texte, Videos, Verfahren und historische Bezugspunkte.
Heutige Verdichtung: das, was in Rhythm Matrix, Klangwelt, TD-15, Ableton, Max/MSP, FLOW und möglichen Sensory-Percussion-Erweiterungen weiterlebt.
Der maschinelle Gesamtüberblick erfasste 1.553 veröffentlichte Beiträge aus den Jahren 2017 bis August 2026. Viele ältere Einträge bestehen nur aus wenigen Wörtern, Bildern oder Links; andere Seiten wurden über Jahre erweitert und enthalten sehr viel Material. Die Zahlen dienen deshalb nur der Orientierung, nicht als Qualitäts- oder Autorschaftsurteil.
| Afrigal ist weniger ein abgeschlossenes Werk als eine Spur: Man sieht, welche Fragen bleiben, welche Umwege wichtig waren und welche Idee immer wieder zurückkehrt. |
1. Das Zentrum: der Computer als offenes Musikinstrument
Die deutlichste Grundlinie lautet: Der Computer ist für Udo Matthias kein Hilfsgerät, das eine ansonsten fertige Musik begleitet. Er ist ein formbares Instrument und zugleich ein Denkraum. Entscheidend ist nicht, vorgefertigte Klangpakete zu konsumieren, sondern Verfahren selbst verstehen, verändern und programmieren zu können.
Auf Afrigal wird dieser Gedanke technisch breit aufgefächert: Max/MSP, Pure Data, Csound, SuperCollider, ChucK, Java, C/C++, Assembler, Processing, Ableton Live, algorithmische Komposition, MIDI und Mikrocontroller. Diese Liste ist kein bloßes Technikinteresse. Sie zeigt eine Haltung: musikalische Regeln sollen sichtbar, veränderbar und nachvollziehbar werden.
| Software ist genauso mächtig wie die Hardware. Nur wiegt sie weniger!!
Afrigal: Computer Music & Horror Vacui |
Darin liegt auch eine soziale Dimension. Ein teurer Gerätepark darf nicht darüber entscheiden, wer elektronische Musik entwickeln kann. Software ist kopierbar, dokumentierbar und weitergebbar. Die Reduktion auf einen Rechner, ein Interface und wenige verlässliche Eingabegeräte ist daher nicht nur eine Budgetlösung, sondern Teil der künstlerischen Idee.
Das Ziel ist ausdrücklich nicht, jedes analoge Modul nachzubilden. Interessanter ist, Funktionen zu erfinden, die aus dem eigenen musikalischen Denken entstehen: eine Software, die auf Dichte, Pause, Anschlagsstärke, Phrasenlänge oder einen Zustandswechsel reagiert und dabei ein Gedächtnis entwickelt.
2. Interaktion war von Anfang an vorhanden
Die heutige Vorstellung eines reagierenden TD-15/Ableton-Systems ist keine neue Mode. Bereits die frühen Afrigal-Einträge nennen interaktive Komposition, E-Drums mit Ableton, Max/Pure Data und die Verbindung von akustischem Schlagzeug und Elektronik. 2020 wird der Ansatz ausdrücklich beschrieben: Ein Musiker interagiert live mit Elektronik, um neue Musik zu erzeugen.
Dabei tauchen drei bis heute tragfähige Modelle nach Robert Rowe auf:
Generativ: Regeln erzeugen musikalischen Output.
Sequenziert: gespeicherte Fragmente antworten auf einen Echtzeit-Input und verändern Tempo, Dynamik oder Rhythmus.
Transformativ: Das live gespielte Material wird zur Quelle neuer Varianten, die an das Original erinnern können, aber nicht müssen.
Robert Rowe, ist amerikanischer Komponist, Informatiker und Professor für Musiktechnologie an der New York University. Er ist einer der wichtigen Theoretiker interaktiver Computermusik.
Sein grundlegendes Buch heißt:
Interactive Music Systems: Machine Listening and Composing (MIT Press, 1993)
Darin untersucht er Systeme, deren Verhalten sich als Reaktion auf einen musikalischen Eingang verändert – also genau meine alte und neue Idee: Ich spiele, der Computer hört beziehungsweise analysiert und antwortet musikalisch. Robert Rowe/NYU
Rowe unterscheidet drei Arten der Antwort:
Sequenced: Vorbereitetes Material wird durch Dein Spiel ausgelöst oder gesteuert.
Transformative: Dein gerade gespieltes Material wird verändert, etwa wiederholt, gedehnt, fragmentiert oder transponiert.
Generative: Das System erzeugt anhand von Regeln neues Material als Antwort auf Dein Spiel.
s.a. Afrigal in „electroacoustic music and drumset“
Rowe veröffentlichte später noch Machine Musicianship (2001). Darin geht es darum, Computer nicht nur Klänge erzeugen zu lassen, sondern ihnen Fähigkeiten wie musikalisches Zuhören, Erkennen von Strukturen und interaktives Improvisieren zu geben. Die Beispiele wurden unter anderem mit C++ und Max programmiert. MIT Press
Er passt also sehr genau zu mir:
Nicht der Computer spielt fertige Musik ab. Er hört dem Musiker zu und verhält sich aufgrund dessen, was er hört.
Bei meiner kleinen Klangwelt könnten sogar alle drei Rowe-Typen nebeneinander existieren:
ein TD‑15-Schlag startet eine vorbereitete Fläche → sequenced
Deine Phrase wird fragmentiert und wiederholt → transformative
aus Dichte, Dynamik und Pausen entsteht eine neue Antwort → generative
Robert Rowe ist damit ein wichtiger theoretischer Ahne meiner Afrigal-Idee – aber meine konkrete Verbindung aus Schlagzeug, Echtzeitdefinition, Rhythm Matrix und kleiner kontrollierbarer Klangwelt ist meine eigene.
| Afrigal: electroacoustic music and drumset, 2020 |
Afrigal nennt dafür Trigger, Playback, neue Sounds und Patterns, eigene Effektketten sowie den Transfer von Studiomöglichkeiten in die Live-Performance. George Lewis und sein interaktives Voyager-System bilden einen wichtigen Bezugspunkt: Jazz, Improvisation, Programmierung und musikalische Autonomie gehören zusammen.
3. Das erste System: technisch möglich, live zu groß
Das ursprüngliche interaktive Set verband ein akustisches Schlagzeug mit Triggern und Computerverarbeitung. Mit diesem System habe ich dann einmal mit Bruno Spoerie und Robin Michele gespielt. Seine Klangwelt war unmittelbar vom akustischen Instrument geprägt. Gerade darin lag seine Stärke – und zugleich die Überforderung.
Mehrere anspruchsvolle Aufgaben mussten gleichzeitig beherrscht werden:
das akustische Set spielen und seinen Eigenklang berücksichtigen,Mikrofonierung und Schlagzeugmischung kontrollieren,
Trigger montieren, Schwellenwerte einstellen und Fehltrigger vermeiden,Softwarezustände, Effekte und Rückmeldungen überwachen,während der Improvisation musikalisch hören und entscheiden.
Damit entstand eine entscheidende Erfahrung: Technische Echtzeit genügt nicht. Ein System kann jede Deadline einhalten und dennoch live unspielbar werden, wenn der Musiker zu viele Zustände und Fehlerquellen gleichzeitig kontrollieren muss.
| Ein interaktives System ist erst dann ein Instrument, wenn ich es während des Spielens musikalisch überblicken kann.
Heutige Schlussfolgerung aus dem ersten Set |
4. Echtzeit: nicht sofort, sondern rechtzeitig
Auf Afrigal wird Echtzeit ausdrücklich aus der Prozessinformatik verstanden: Ein System reagiert auf ein Ereignis innerhalb einer festgelegten Zeitspanne. Entscheidend sind Deadline, Priorität und Verlässlichkeit – nicht eine mythische Verzögerung von null.
Diese Definition lässt sich unmittelbar musikalisch erweitern. Eine Antwort kann nach wenigen Millisekunden erfolgen, nach einem Takt, nach drei Phrasen oder erst nach einer längeren Pause. Wenn die Zeitbeziehung beabsichtigt, kontrollierbar und für den musikalischen Prozess sinnvoll ist, gehört sie zur Echtzeit des Systems.
| Echtzeit definiere ich.
Udo Matthias |
Der Diracimpuls verdeutlicht die Grenze der Vorstellung von absoluter Sofortigkeit. Er ist ein mathematisches Ideal mit verschwindender Dauer und idealisiert unendlicher Höhe, aber endlicher Fläche. Physikalisch kann ein System nur endliche, bandbegrenzte Impulse erzeugen. Musikalisch wäre Nullzeit zudem kein Wert an sich: Erinnerung, Erwartung, Groove und Antwort entstehen gerade durch gestaltete Zeitabstände.
Die produktive Frage lautet daher nicht: Hat der Computer Latenz? Sondern: Welche Reaktionszeit verlangt dieser musikalische Prozess, wie stabil ist sie und wie wird sie Teil der Gestaltung?
5. Der Wendepunkt TD-15: Komplexität an der richtigen Stelle reduzieren
Das TD-15 verändert nicht die Grundidee. Es verändert die Arbeitsteilung. Es liefert einen verlässlichen unmittelbaren Drumklang und zugleich stabile Trigger- beziehungsweise MIDI-Daten. Dadurch verschwinden zwei besonders große Baustellen aus dem Live-Moment: die eigenständige Konstruktion des Drum-Sounds und die aufwendige Einrichtung externer Trigger am akustischen Set.
Die neue Architektur ist bewusst klein:
Körper und Spiel: Udo entscheidet über Geste, Dynamik, Phrase und Pause.
TD-15: liefert einen unmittelbar spielbaren Drumklang und Steuerdaten.
Ableton/Max: hört zu, speichert, analysiert, transformiert und wechselt Zustände.
Ausgang: trockener Drumklang und verwandelte Klangwelt bleiben unabhängig dosierbar.
Damit bleibt das Schlagzeug auch dann musikalisch funktionsfähig, wenn die Klangverwandlung reduziert oder ausgeschaltet wird. Software wird zur zweiten Ebene, nicht zur fragilen Voraussetzung jedes Schlages.
| Alles wird kleiner, überschaubarer, einfacher.
Udo Matthias, August 2026 |
6. Sensory Percussion: mögliche Erweiterung, keine neue Pflicht
Sensory Percussion passt grundsätzlich zur alten Idee, weil unterschiedliche Anschlagorte und Gesten als differenzierte Steuerdaten nutzbar werden. Die historische Erfahrung legt jedoch eine klare Bedingung nahe: Es sollte nur dort ergänzt werden, wo eine konkrete musikalische Unterscheidung benötigt wird.
Ein sinnvoller Anfang wäre ein einziges Instrument – etwa eine Snare – mit wenigen stabilen Funktionen: Rand, Mitte und Dämpfung könnten drei Klangzustände oder Transformationstiefen steuern. Erst wenn diese kleine Einheit ohne zusätzliche Aufmerksamkeit spielbar bleibt, wäre eine Erweiterung sinnvoll.
Das Prinzip lautet nicht mehr maximale Sensorik, sondern minimale notwendige Sensorik.
7. Computer Jazz: Freiheit, Disziplin und neue Landschaften
Der Begriff Computer Jazz ist auf Afrigal weit mehr als eine Genrebezeichnung. Er beschreibt eine Verbindung: elektronische Klangmusik trifft auf die Offenheit, Körperlichkeit und soziale Intelligenz des Jazz. Der Computer erzeugt nicht automatisch Jazz; er wird jazzfähig, wenn er in ein System aus Zuhören, Reagieren, Risiko, Erinnerung und gemeinsamem Entscheiden eingebunden wird.
| Der Computer ist für mich eine Art Gefährt, mit dem man neue Landschaften – auch Klanglandschaften – entdecken kann.
Afrigal: Computer Jazz & Kandinsky, 2020 |
Die Website verbindet diesen Gedanken mit Free Jazz, Neuer Musik, Noise, Blues, afrikanischen Rhythmuskonzepten, algorithmischer Komposition und bildender Kunst. Wiederkehrende Bezugspunkte sind unter anderem George Lewis, AACM, Sun Ra, Ornette Coleman, Stockhausen, Pierre Schaeffer, Curtis Roads, Robert Henke, Christian Lillinger, Kandinsky, Klee und Rothko.
Wichtig ist dabei eine doppelte Bewegung: Struktur und Disziplin werden nicht abgeschafft, sondern mit Improvisation verbunden. Freiheit bedeutet nicht Beliebigkeit. Regeln dürfen bestehen – aber sie müssen veränderbar, durchschaubar und musikalisch begründet sein.
8. Klang vor Form: hören, formen, verwandeln
Afrigal kreist immer wieder um Klang als eigenständiges Material. Sinus, Oberton, Rauschen, Filter, Ringmodulation, Granulation, Raum, Impuls, Wiederholung und psychoakustische Wahrnehmung werden nicht nur technisch beschrieben. Sie bilden ein Vokabular für eine persönliche Ästhetik.
Pierre Schaeffers objet sonore und das reduzierte Hören liefern dafür einen philosophisch-musikalischen Hintergrund: Ein Klang muss nicht zuerst als Trommel, Geige oder Oszillator identifiziert werden. Er kann nach Dichte, Rauheit, Bewegung, Spannung, Raum und innerer Veränderung erfahren werden.
Hier liegt eine direkte Verbindung zur heutigen Klangwelt mit ihren Dimensionen. Die alten Themen werden nicht ersetzt, sondern in ein handhabbares Steuerungsmodell überführt:
Dichte beschreibt, wie viele Ereignisse und Schichten gleichzeitig aktiv sind.
Rauheit verbindet spektrale Struktur, Verzerrung und rhythmische Reibung.
Bewegung umfasst rhythmische, räumliche und klangfarbliche Veränderung.
Zufall wird nicht als Willkür, sondern als begrenzter Möglichkeitsraum eingesetzt.
Raum ist nicht Dekoration, sondern Teil der Klanggestalt.
Gedächtnis lässt Vergangenes in veränderter Form wiederkehren.
9. Mathematik und Programmierung als poetisches Material
Mathematik erscheint auf Afrigal nicht als Beweis akademischer Autorität, sondern als Werkzeug zum Erfinden und Verstehen. Fourier-Analyse, Gabor-Transformation, Zufall, Fraktale, Wahrscheinlichkeiten, Geometrie, Schwingungen und algorithmische Regeln öffnen Klangräume.
Der programmierte Prozess besitzt dabei eine besondere Schönheit: Eine kleine Regel kann eine große Vielfalt hervorbringen. Der kreative Akt liegt nicht nur im erzeugten Ton, sondern auch in der Wahl der Variablen, Grenzen, Übergänge und Rückkopplungen.
Das passt unmittelbar zur Rhythm Matrix. Ihre vielen theoretischen Kombinationen sind kein Katalog, der vollständig abgearbeitet werden muss. Sie bilden einen Suchraum, aus dem wenige musikalisch starke Gestalten ausgewählt, geübt und verwandelt werden.
| Wozu ist ein Computer gut? Um das zu machen, was man ohne ihn nicht machen kann.
Afrigal: Computermusik & skulpturale Klangphänomene |
10. Bildende Kunst, Spiritualität und das Hier und Jetzt
Kandinsky, Klee, Rothko und Monet erscheinen auf Afrigal nicht als bloße Analogien. Sie helfen, Musik jenseits von Melodie und Akkord zu denken: Fläche, Farbe, Schichtung, Leere, Übergang, Intensität und Verhältnis werden zu musikalischen Kategorien.
Damit verbindet sich die spirituelle Linie. Klang ist Tätigkeit im gegenwärtigen Moment; Improvisation verlangt Aufmerksamkeit und Offenheit. Die Website fragt immer wieder nach Zeit, Bewusstsein, Stille, Natur und Verbundenheit. Diese Fragen stehen neben Informatik und Physik, nicht im Widerspruch zu ihnen.
Für die heutige Arbeit könnte daraus ein nüchterner Grundsatz entstehen: Die Technik soll Aufmerksamkeit nicht verschlingen, sondern ermöglichen. Je weniger Bedienhandlungen im Live-Moment nötig sind, desto eher kann das System im Hier und Jetzt gehört und gespielt werden.
11. Politik und Zugänglichkeit
Afrigal verbindet experimentelle Musik mit Freiheit, Widerspruch und gesellschaftlicher Verantwortung. Free Jazz, AACM, Jimi Hendrix, politische Rockmusik und Neue Musik erscheinen als historische Beispiele dafür, dass Klang nicht vom sozialen Zusammenhang getrennt werden muss.
Auch die Frage des Geldes gehört hierher. Ein ausschließlich hardwarebasiertes Modularsystem kann faszinierend sein, setzt aber erhebliche finanzielle Mittel voraus. Die softwarebasierte Arbeit widersetzt sich der Vorstellung, musikalische Tiefe müsse an der Menge exklusiver Geräte erkennbar sein.
Zugänglichkeit bedeutet dabei nicht, dass jede Software kostenlos sein muss. Es bedeutet, ein System so zu entwerfen, dass es mit wenigen, austauschbaren Komponenten funktioniert, dokumentiert und von anderen nachvollzogen werden kann. Das ist zugleich technisch, pädagogisch und politisch.
12. Wiederkehrende Spannungsfelder
Die Website liefert keine widerspruchsfreie Theorie. Gerade ihre Spannungen machen sie persönlich und produktiv:
Freiheit und Disziplin: offene Improvisation braucht ein bewusst gewähltes Vokabular.
Komplexität und Einfachheit: technisch ist fast alles möglich; musikalisch muss nicht alles gleichzeitig geschehen.
Zufall und Kontrolle: Zufall öffnet Türen, Grenzen geben ihm Gestalt.
Körper und Code: Das Schlagzeug liefert körperliche Energie, Software organisiert Erinnerung und Transformation.
Individuum und Kollektiv: Eine eigene Sprache entsteht, soll aber im musikalischen Miteinander verwandelbar bleiben.
Tradition und Zukunft: Jazz, Blues und Neue Musik werden nicht verlassen, sondern mit gegenwärtigen Mitteln weitergedacht.
Technik und Spiritualität: Präzise Systeme und unmittelbares Erleben müssen sich nicht ausschließen.
13. Was auf Afrigal wirklich Udos eigene Position ist
Aus den vielen Fundstücken lässt sich ein klarer persönlicher Kern herausarbeiten:
Ich verstehe den Computer als offenes, programmierbares Musikinstrument.
Ich möchte mit Software Dinge tun, die ohne sie musikalisch nicht möglich wären.
Ich verbinde Schlagzeug, freie Improvisation, elektronische Klangmusik und algorithmische Verfahren.
Ich definiere musikalische Echtzeit über den Prozess und seine notwendige Reaktionsspanne, nicht über das Vorurteil völliger Verzögerungsfreiheit.
Ich suche Klänge und Beziehungen, nicht den perfekten Gerätepark.
Ich will verstehen, vereinfachen, dokumentieren und weitergeben.
Ich lehne Schubladen ab und suche Begegnungen zwischen Jazz, Neuer Musik, Kunst, Wissenschaft und Spiritualität.
Ich brauche keine maximale Komplexität. Ich brauche ein System, das ich live hören, spielen und kontrollieren kann.
| Der Computer begleitet meine Musik nicht. Er ist formbares musikalisches Material. Seine Zeit ist nicht vorgegeben. Echtzeit definiere ich.
Verdichtung der Afrigal-Position |
14. Die heutige Konsequenz: die kleine Klangwelt
Die heutige Entwicklung ist keine Abkehr von Afrigal, sondern dessen Konzentration. Das frühere interaktive System bewies, was möglich war. Das neue System soll beweisen, was davon wirklich gebraucht wird.
Ein tragfähiger erster Zustand könnte aus nur vier Ebenen bestehen:
TD-15 trocken: stabiler und unmittelbar spielbarer Grundklang.
Eine Transformation: ausgewählte Ereignisse werden fragmentiert oder wiederholt.
Ein Gedächtnis: ein kurzer Abschnitt kann gespeichert, eingefroren oder später erinnert werden.
Ein Zustandswechsel: ein klar definierter Schlag, eine Pause oder ein einziges Bedienelement wechselt zwischen wenigen musikalisch unterscheidbaren Zuständen.
Erst wenn diese kleine Form selbstverständlich spielbar ist, kommen weitere Dimensionen hinzu. Sensory Percussion, Visualisierung, FLOW, SuperCollider oder zusätzliche Sensoren bleiben mögliche Erweiterungen – aber niemals Voraussetzungen dafür, dass das Instrument musikalisch funktioniert.
| Nicht möglichst viel Technik. Möglichst viel Musik aus möglichst wenigen, klaren Beziehungen.
Arbeitsprinzip für die nächste Afrigal-Phase |
15. Schluss: kein Neubeginn, sondern Heimkehr
Afrigal zeigt, dass die wesentlichen Fragen seit Jahren vorhanden sind: Wie kann ein Schlagzeuger mit einem Computer improvisieren? Wie wird Software zum Instrument? Was bedeutet Echtzeit musikalisch? Wie können Mathematik, Klang, Bild und Spiritualität zusammenkommen? Und wie bleibt ein solches System bezahlbar und verständlich?
Die Antwort liegt heute weniger im Hinzufügen als im Weglassen. Das TD-15 nimmt die komplizierten Vorarbeiten des Drum-Sounds und der externen Trigger ab. Dadurch kann die Software wieder das sein, was sie ursprünglich sein sollte: ein offener Raum für eigene Regeln, Klänge und Reaktionen.
Die neue Einfachheit widerruft die frühere Vision nicht. Sie schützt sie vor der Überforderung.
| Alles wird kleiner, überschaubarer, einfacher – und dadurch wieder spielbar.
Schlussgedanke |
Anhang A: Thematische Landkarte
Technischer Kern
- Computer als Instrument
- Max/MSP, Ableton, SuperCollider, Pure Data, Csound
- Trigger, MIDI, Sensoren, Mikrocontroller
- algorithmische, generative und transformative Verfahren
- Latenz, Echtzeit und Prozessinformatik
Musikalischer Kern
- Schlagzeug und Körperlichkeit
- freie Improvisation und Computer Jazz
- Klang vor Form
- Polyrhythmik und Rhythm Matrix
- Zufall, Gedächtnis und Zustände
Ästhetischer Kern
- Klanglandschaften und skulpturale Klänge
- Kandinsky, Klee, Rothko und Monet
- Pierre Schaeffer und reduziertes Hören
- Raum, Stille, Wahrnehmung und Spiritualität
Ethisch-sozialer Kern
- Zugänglichkeit statt Geräteprestige
- Software als dokumentierbares und teilbares Wissen
- Ablehnung starrer Genregrenzen
- politische Herkunft experimenteller Musik
- Vereinfachung statt Akademisierung
Anhang B: Ausgewählte Schlüsseltexte auf Afrigal
Computer Music & Horror Vacui – Computer als Instrument, Software, eigene Programmierung und ästhetische Suche.
Psychoakustik – Skulpturale Klangphänomene – Latenz, Echtzeit, Wahrnehmung, Impulse und Klanggestalt.
electroacoustic music and drumset – Interaktion am Drumset; generative, sequenzierte und transformative Verfahren.
Computer Jazz & Kandinsky – Laptop als Instrument; Freiheit, Klanglandschaft, Jazz, Kunst und Algorithmik.
George Lewis – Interaktiv – AACM – Interaktive Musik, Max/MSP, Jazz und gesellschaftlicher Kontext.
Computermusik & skulpturale Klangphänomene – Raumklang, Wahrnehmung und die Frage, wozu der Computer gut ist.
Hardware Hacking & Circuit Bending – Technische Abstraktion, elektronische Praxis und Echtzeitverarbeitung.
Musiksoftware 1975-2017 – Ableton – Frühe Spur der Verbindung von Musiksoftware und Ableton.
E-Drums and Ableton – Früher Hinweis auf die heutige Verbindung von elektronischem Schlagzeug und Software.
Interaktive Komposition – Sehr früher Markierungspunkt der Grundidee, 2017.
Der Code macht die Musik – Algorithmische Komposition, Code, Kreativität und gesellschaftliche Fragen.
Computer Music is dead – Provokanter früher Bezugspunkt zur Einordnung von Computermusik.
Anhang C: Hinweise zur Methode
Der Überblick basiert auf den öffentlich erreichbaren Beiträgen von afrigal.online bis 29. August 2026. Für das Inventar wurden Titel, Veröffentlichungsdaten und Beitragstexte erfasst und nach wiederkehrenden Begriffsfeldern gruppiert. Die thematischen Zuordnungen überlappen sich: Ein Beitrag kann zugleich zu Schlagzeug, Software, Ästhetik und Spiritualität gehören.
Die Website enthält eigene Texte, übernommene biografische Informationen, Zitate, Videos, externe Links sowie später ergänzte Passagen. Wo die Autorschaft eines einzelnen Satzes nicht eindeutig war, wurde er nicht als persönliche Aussage zitiert. Die Zusammenfassung ist daher eine interpretierende Landkarte, keine philologische Edition und kein vollständiges Quellenverzeichnis.
Datengrundlage: 1.553 Beiträge, Veröffentlichungszeitraum März 2017 bis August 2026. Verteilung nach Jahr: 2017 (313), 2018 (140), 2019 (92), 2020 (348), 2021 (248), 2022 (185), 2023 (20), 2024 (56), 2025 (87), 2026 bis 29. August (64).
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