Habt ihr es wirklich vergessen
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Habt ihr es denn wirklich vergessen
Joan Baez sang oft gegen den Vietnamkrieg an. Selten so pur und effektiv wie in Saigon Bride, einem Song, der die archetypische Geschichte des Soldaten erzählt, der seine Frau zurücklässt, um in den Krieg zu ziehen. Mit inhaltlichen Parallelen zu Blowin’ In The Wind schmiedet Baez einen Song um ein Gedicht, das ihr die Verfasserin Nina Duschek persönlich zugeschickt hatte. Es ist einer der eher raren Momente, in der Joan Baez selbst die Melodie zu fremden Worten schreibt – und allein deswegen ein besonderes Stück in ihrem Antikriegskanon.
Ingeborg Bachmann s.ganz unten
Saigon Bride
Leb wohl, meine sehnsüchtige Braut aus Saigon Ich gehe hinaus, um die Flut einzudämmen Eine Flut, die nie das Meer sah Sie fließt durch Dschungel, um die Bäume herum Manche sagen, sie sei gelb, manche sagen rot Es wird keine Rolle mehr spielen, wenn wir tot sind Wie viele Tote braucht es, um einen Damm zu bauen, der nicht bricht? Wie viele Kinder müssen wir töten, bevor wir die Wellen zum Stillstand bringen?
Obwohl Wunder heute allgegenwärtig sind, haben wir die Mittel zu bezahlen. Es holt sie von der Straße, weißt du, an Orte, wo sie niemals allein hingehen würden. Es gibt ihnen einen nützlichen Beruf. Die Glücklichen werden sogar bezahlt. Männer sterben, um die Gräber ihrer Pharaonen zu bauen Und immer noch, immer noch die wimmelnden Gebärmütter Wie viele Männer braucht es, um den Mars zu erobern? Wie viele Tote, um die Sterne zu erreichen?
Leb wohl, meine sehnsüchtige Braut aus Saigon Ich gehe hinaus, um die Flut einzudämmen Manche sagen, sie sei gelb, manche sagen rot Es wird keine Rolle mehr spielen, wenn wir tot sind (Joan Baez) |
Habt ihr es wirklich vergessen?
Habt ihr es wirklich vergessen –
die Stimme von Joan Baez,
klar wie ein Gewissen
über einem Feld voller Menschen?
Jimi,
der die amerikanische Hymne zerriss,
bis zwischen seinen Saiten
Bomben heulten,
Sirenen schrien
und jeder hören konnte,
was hinter den schönen Worten geschah.
Habt ihr wirklich Woodstock vergessen –
nicht das schlammige Bild,
nicht die Blumen im Haar,
sondern den verzweifelten Traum,
dass Liebe stärker sein könnte
als Gewehre,
Gehorsam und Angst?
Habt ihr vergessen,
dass Jazz einmal gefährlich war?
Dass ein Schlag auf die Trommel
eine Grenze überschritt,
ein freier Ton
eine Ordnung infrage stellte
und das Art Ensemble of Chicago
nicht nur Musik spielte,
sondern eine andere Welt
auf die Bühne stellte?
„Great Black Music –
Ancient to the Future.“
Vergangenheit und Zukunft
in einem einzigen Atemzug.
Damals, zu meiner Zeit, war Musik kein Hintergrund
für das nächste Bild,
den nächsten Klick,
das nächste kleine Herz
auf einem leuchtenden Bildschirm.
Sie war eine Frage.
Eine Anklage.
Ein Nein.
Nein zum sinnlosen Töten.
Nein zur Lüge.
Nein zu denen,
die junge Menschen in Kriege schicken
und selbst an langen Tischen sitzen.
Und heute?
Wir wischen über Bilder von Ruinen,
zwischen Werbung, Katzen und Frühstück.
Wir sehen ein brennendes Haus
und gleich danach ein lachendes Gesicht.
Ist das Vergessen?
Oder sind wir nur müde geworden,
weil uns täglich tausend Bilder treffen
und keines mehr lange genug bleibt,
um in uns eine Wunde zu öffnen?
Doch irgendwo
nimmt noch immer jemand
ein Saxophon in die Hand,
schlägt eine Trommel,
dreht einen Verstärker auf
und weigert sich,
die Welt hinzunehmen, wie sie ist.
Vielleicht sind es nur wenige.
Vielleicht sitzen sie allein
in ihren Zimmern,
zwischen alten Platten, Kabeln,
Erinnerungen und neuen Klängen.
Aber sie haben nicht vergessen.
Und solange ein Mensch noch fragt:
Warum Krieg?
Warum Gehorsam?
Warum dieses Schweigen?
Solange ein Ton sich weigert,
nur Unterhaltung zu sein,
ist Woodstock nicht vorbei.
Jimi nicht verstummt.
Joan nicht verhallt.
Der freie Jazz nicht besiegt.
Dann lebt unter all dem Lärm
noch immer dieser alte,
unvernünftige,
unverkäufliche Gedanke:
|
Der Leitspruch „Great Black Music – Ancient to the Future“ wurde vom Art Ensemble of Chicago geprägt und steht für ein umfassendes Verständnis afroamerikanischer Musik. Er macht deutlich, dass diese Tradition von afrikanischen Wurzeln bis zu den experimentellsten Formen der Gegenwart und Zukunft reicht.
Er bedeutet:
- Ancient – Rückbesinnung auf afrikanische Rhythmen, Rituale und kulturelles Erbe
- To the Future – Offenheit für Innovation, Improvisation und neue musikalische Ausdrucksformen.
- Great Black Music – Nicht nur Jazz, sondern auch Blues, Gospel, Soul, Funk und Avantgarde als zusammenhängende kulturelle Tradition.
Das Motto verkörpert die Philosophie des Art Ensemble of Chicago und der AACM: Musik ist zugleich Erinnerung, Identität, Freiheit und Experiment – eine lebendige Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Das Kontinuum: Der vom Bassisten Malachi Favours geprägte Satz besagt, dass traditionelle afrikanische Rituale, Blues, Swing und moderner Free Jazz Teil derselben historischen und spirituellen Linie sind
Zeitzusammenbruch: Es betrachtet alte Traditionen als moderne Werkzeuge und behandelt die avantgardistischen Experimente von heute als die klassische Musik der Zukunft.
Panafrikanismus: Die Ideologie lehnt starre kommerzielle Genregrenzen ab und setzt auf globale Instrumente, Theaterkostüme, Gesichtsbemalung und intensive Klangexperimente.
Herkunft: Das Art Ensemble of Chicago ging aus der AACM in den späten 1960er Jahren mit Kernmitgliedern wie Lester Bowie, Roscoe Mitchell, Joseph Jarman, Famoudou Don Moye, und Malachi Favours.
Globale Auswirkungen: Mit diesem Motto definierte das Kollektiv Jazz nicht nur als Unterhaltung neu, sondern als tiefgreifendes soziokulturelles und spirituelles Statement, das die afrikanische Diaspora mit globalen Avantgarde-Bewegungen verbindet.
Ingeborg Bachmann war keine politische Protestdichterin im direkten Sinn wie Joan Baez als Sängerin. Aber Krieg, Faschismus und die Gewalt, die nach 1945 in Sprache und Gesellschaft weiterlebte, gehören zu ihren wichtigsten Themen.
Besonders eindringlich ist ihr Gedicht „Alle Tage“ aus dem Band Die gestundete Zeit (1953). Darin sagt sie sinngemäß:
Der Krieg ist nicht wirklich vorbei – er wird nur nicht mehr erklärt. Er ist in den gewöhnlichen Alltag eingedrungen. Gerade dadurch wirkt das Gedicht heute wieder erschreckend aktuell.

Alle Tage
Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.
Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
Weitere wichtige Texte sind:
- „Die gestundete Zeit“ – eine Welt lebt nur noch auf Widerruf; unter der scheinbaren Ruhe liegt ständig die Möglichkeit der Katastrophe.
- „Reklame“ – beruhigende Werbesprache läuft neben Gedanken an Tod, Angst und Vernichtung her. Die gesellschaftliche Ablenkung übertönt die existenzielle Wahrheit.
- „Unter Mördern und Irren“ – eine Erzählung über ehemalige Nationalsozialisten und Mitläufer, die nach dem Krieg wieder gesellschaftlich zusammensitzen, als sei nichts geschehen.
- „Malina“ – kein Kriegsroman im üblichen Sinn, aber ein Buch über psychische, gesellschaftliche und geschlechtliche Gewalt. Der berühmte Satz „Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau“ zeigt, wie Bachmann Faschismus nicht nur als historische Staatsform verstand, sondern auch als alltägliches Prinzip der Unterdrückung.
- Ihre Frankfurter Vorlesungen fragen danach, wie Literatur überhaupt noch sprechen kann, nachdem Sprache durch Faschismus und Propaganda beschädigt worden ist.
Die gestundete Zeit
Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.
Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.
Bachmanns entscheidender Gedanke war wohl: Der Krieg endet nicht unbedingt mit dem Schweigen der Waffen.
Er kann in den Köpfen, Beziehungen, Institutionen und Wörtern weiterleben.
Das verbindet sie durchaus mit meiner Frage: Haben wirklich alle vergessen, dass Kunst und Musik einmal Widerstand gegen das Töten waren? Bachmann hätte vermutlich ergänzt: Wir müssen auch darauf achten, ob das Töten bereits in unserer Sprache, unserem Schweigen und unserem gewöhnlichen Umgang miteinander beginnt.
Erklär mir, Liebe
Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –
Erklär mir, Liebe!
Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.
Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!
Erklär mir, Liebe!
Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!
Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?
Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
Written by Afrigal
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