September 10th, 2021 by Afrigal

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Donny McCaslin

Post-Bop, Prä-Bowie

Als ihn David Bowie 2015 zum musikalischen Partner auf seinem letzten Album „Blackstar“ machte, gehörte Donny McCaslin längst zu den großen Tenorsaxofonisten des zeitgenössischen Jazz. Sein Klubkonzert in München 2010 beweist eindrucksvoll, warum.

(Donald Paul McCaslin, * 11. August 1966 in Santa Cruz/Kalifornien) ist ein US-amerikanischer Jazz-Saxophonist.

Im Gegenlicht eines Bühnenscheinwerfers spielt ein bärtiger Mann mittleren Alters Tenorsaxofon.  (Imago / Pluquet / Alpaca / Andia)

Nate Wood – bass  & Mark Guiliana-drums

McCaslin wurde von seinem Vater in die Jazzmusik eingeführt, der Englischlehrer war und als Vibraphonist eine Jazzgruppe leitete. Im Alter von zwölf Jahren trat er mit der Band seines Vaters auf, und in seiner Highschoolzeit leitete er bereits eine eigene Band. Er spielte auch in einer achtköpfigen Salsaband und studierte im Kuumbwa Jazz Center. Zu seinen Lehrern zählten Paul Contos und Brad Hecht.

Er tourte mit einem Jugendensemble durch Europa und Japan und erhielt 1984 ein Stipendium für ein Studium am Berklee College of Music. Hier wurde er Mitglied des Quintetts von Gary Burton, mit dem er vier Jahre durch Europa, Japan, Nord- und Südamerika tourte.

1991 ließ er sich in New York nieder und wurde Mitglied der Gruppe Steps Ahead, der er drei Jahre lang angehörte. Daneben arbeitete er mit dem Gil Evans Orchestra, der George Gruntz Concert Jazz Band, dem Quintett von Danilo Pérez und von Mary Ann McSweeney, Maria Schneiders Jazz Orchestra (Data Lords 2020) und den Santi Debrianos Panamaniacs.

Donny McCaslin, sax | Jason Lindner, keys | Jeff Taylor, voc | Jonathan Maron, b | Nate Wood, dr
https://www.jazzbaltica.de

1997 gründete McCaslin mit Dave Binney, Scott Colley und Kenny Wollesen die experimentelle Gruppe Lan Xan, mit der zwei Alben entstanden. 1998 veröffentlichte er sein erstes Album als Bandleader. 2011 wirkte er bei Ryan Truesdells Centennial – Newly Discovered Works of Gil Evans mit. 2013 gab er mit eigenem Quartett Konzerte auch in Deutschland.

Gail Ann Dorsey voc

Anfang 2015 war McCaslin gemeinsam mit seinen Bandmitgliedern Mark Guiliana, Tim Lefebvre und Jason Lindner an den Aufnahmen für David Bowies letztes Album Blackstar beteiligt. Erweitert um den Gitarristen Nate Wood spielte die Gruppe im Jahr 2016 das Album Beyond Now ein, das von Bowie inspiriert und ihm gewidmet ist.

Nate Smith drums

 

 

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Mai 23rd, 2021 by Afrigal

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Ernesto Cardenal

Ernesto Cardenal Martínez (* 20. Januar 1925 in Granada, Nicaragua; † 1. März 2020 in Managua, Nicaragua[1]) war ein katholischer Priester, sozialistischer Politiker und Dichter. Im Zuge der erfolgreichen Revolution in Nicaragua durch die Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) war er zwischen 1979 und 1987 Kulturminister des Landes. Cardenal gilt neben Rubén Darío als einer der bedeutendsten Dichter Nicaraguas.

1965 wurde Ernesto Cardenal in Managua zum Priester geweiht.

Ein halbes Jahr später gründete Cardenal zusammen mit dem Schriftsteller William Agudelo eine nach urchristlichen Vorstellungen ausgerichtete Kommune auf der Insel Mancarrón in der Solentiname-Gruppe des Großen Sees von Nicaragua. Dort schrieb er sein in Deutschland bekanntestes Buch: Das Evangelium der Bauern von Solentiname (1975; dt. 1977). 1970 ging er für mehrere Monate nach Kuba, wo sein Kubanisches Tagebuch (1972; dt. 1980) entstand. 1973 besuchte er erstmals die Bundesrepublik Deutschland.

Am 13. Oktober 1977 besetzte er mit einer Gruppe Bauern aus Solentiname die Kaserne der Guardia Nacional de Nicaragua von San Carlos.[5] Die Einrichtungen in Solentiname wurden kurz darauf von den Soldaten Somozas zerstört. Cardenal ging nach Costa Rica ins Exil und schloss sich der sandinistischen Befreiungsfront FSLN an.

Zerschneide den Stacheldraht. Südamerikanische Psalmen. Mit einem Nachwort von Dorothee Sölle. Wuppertal 1967.

 

 

Ernesto Cardenal war Marxist und Priester, der bis zuletzt fest davon überzeugt war, dass sich Christentum und ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz miteinander verbinden lassen. In den Siebziger Jahren unterstützte er den Kampf der sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) gegen den Diktator Anastasio Somoza. Nachdem die FSLN 1979 Somoza gestürzt hatte, bekleidete Cardenal bis 1987 das Amt des Kulturministers der sandinistischen Regierung unter Daniel Ortega. Mit dem einstigen Kampfgefährten wollte Cardenal später nichts mehr zu tun haben. Er nannte Ortega korrupt und diktatorisch. Aber auch mit dem damaligen kirchlichen Oberhaupt der katholischen Kirche lag Cardenal wegen seines linksgerichteten politischen Engagements über Kreuz. Papst Johannes Paul II. verbot ihm 1985 die Ausübung seiner priesterlichen Ämter. Beindrucken ließ sich Cardenal davon nicht.

Moderne Psalmen

Verbunden hat Ernesto Cardenal seinen Kampf für soziale Gerechtigkeit mit einem unermüdlichen literarischen Schaffen. Als ihn in Lateinamerika noch kaum einer kannte, machte ihn der damalige Verleger des Wuppertaler Peter-Hammer-Verlages, Hermann Schulz, in Nicaragua auf eigene Faust ausfindig. Er hatte lediglich ein Gedicht von ihm gelesen, so erzählte Hermann Schulz, selbst Schriftsteller, im Gespräch mit Angela Gutzeit. „Daraus wurden dann mehr als 40 Buch-Publikationen im Laufe der Jahre“, so Schulz. „Am Anfang standen die Psalmen, das heißt, moderne Psalmen-Nachdichtungen.“ Das Ganze sei verlegerisch in den politische bewegten Zeiten Ende der 60er Jahre in der Bundesrepublik „ein Riesen-Erfolg“ gewesen.

Das Reich Gottes auf Erden

Cardenal galt bald als einer der bedeutendsten Dichter Nicaraguas und darüber hinaus. Mit seinen Büchern „Gesänge des Universums“ oder „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“ ging er auf Reisen. Besonders in Deutschland fanden seine Texte und Gedichte großen Anklang. „Er war eigentlich ein Mystiker“, so Hermann Schulz. „Alles, was er geschrieben hat, vor allen Dingen in den letzten 20 Jahren, da geht es um das Reich Gottes auf Erden.“ Das sei eine recht fundamentalistische Haltung, so der ehemaliger Wuppertaler Verleger – eben der tiefere Sinn seines Glaubens an den Sozialismus und an einen Kommunismus gewesen. Cardenals Verse seien manchmal etwas einfach gestrickt gewesen, aber trotzdem steckte dahinter ein sehr kluger Kopf, so der Resümee von Hermann Schulz.

Ernesto Cardenal wurde 1980 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. 2005 war er sogar für den Literaturnobelpreis nominiert.

Psalm 22
nach Ernesto Cardenal (1967)

Mein Gott, mein Gott – warum hast Du mich verlassen?
Ich bin zur Karikatur geworden,
das Volk verachtet mich.
Man spottet über mich in allen Zeitungen.
Panzerwagen umgeben mich,
Maschinengewehre zielen auf mich,
elektrisch geladener Stacheldraht schliesst mich ein.
Jeden Tag werde ich aufgerufen,
man hat mir eine Nummer eingebrannt
und mich hinter Drahtverhauen fotografiert.
Meine Knochen kann man zählen wie auf einem Röntgenbild,
alle Papiere wurden mir weggenommen.
Nackt brachte man mich in die Gaskammer,
und man teilte meine Kleider und Schuhe unter sich.
Ich schreie nach Morphium, und niemand hört mich.
Ich schreie in den Fesseln der Zwangsjacke,
Im Irrenhaus schreie ich die ganze Nacht,
im Saal der unheilbar Kranken,
in der Seuchenabteilung und im Altersheim.
In der psychiatrischen Klinik ringe ich schweissgebadet mit dem Tod.
Ich ersticke mitten im Sauerstoffzelt.
Ich weine auf der Polizeistation,
im Hof des Zuchthauses,
in der Folterkammer
und im Waisenhaus.
Ich bin radioaktiv verseucht,
man meidet mich aus Furcht vor Infektion.
Aber ich werde meinen Brüdern von Dir erzählen.
Auf unseren Versammlungen werde ich Dich rühmen.
Inmitten eines grossen Volkes werden meine Hymnen angestimmt.
Die Armen werden ein Festmahl halten.
Das Volk, das noch geboren wird,
unser Volk,
wird ein grosses Fest feiern.

 

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November 4th, 2020 by Afrigal

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Cardiophonie

Heinz Holliger

Heinz Robert Holliger (* 21. Mai 1939 in Langenthal) ist ein Schweizer Oboist, Komponist und Dirigent.

 

DLF – Seine Liebe zur Oboe entdeckte Heinz Holliger früh, auch wenn er zunächst Klarinette spielen musste. (picture alliance / dpa / H.J. Wöstmann )

„Cardiophonie“, ein Stück, das dem Rhythmus des Herzens folgt, gehört zu seinen Kompositionen: Heinz Holliger ist vor allem als Oboist weltberühmt geworden, aber auch als Komponist und Dirigent hat er sich einen Namen gemacht.

Heinz Holliger ist vor allem als Oboist weltberühmt geworden – als Komponist und Dirigent hat er sich längst auch über die Grenzen seiner Heimat, der Schweiz, hinaus einen Namen gemacht. Er lebt für und durch die Musik:

„Ich kann auch nicht ohne zu atmen überleben. Und Musik ist für mich wie atmen.“

Wie bei vielen anderen auch, war Holligers erstes Instrument die Blockflöte, doch die Liebe zur Oboe setzte sich schon frühzeitig durch:

„Ich wollte seit ich acht war unbedingt Oboe spielen. Mir hat dieses Instrument so gefallen, weil es das Idealbild einer schönen Stimme war für mich. Es war nicht so einfach, in dem Dorf, wo ich lebte, gab’s keine Oboen. Ich musste zuerst Klarinette spielen, weil man meinte, das sei auch schwarz und habe Klappen, also habe ich ein halbes Jahr ziemlich widerwillig Klarinette gespielt. Und dann durfte ich eben in die große Stadt, als Neunjähriger jede Woche mit dem Zug nach Bern fahren, allein. Das war schon ein großes Ereignis, allein das machen zu dürfen.“

„Eine Kunst der Mitte ist uninteressant!“

Seine Karriere begann 1959, als er im Alter von 20 Jahren den renommierten „Internationalen Oboen-Wettbewerb“ in Genf gewann. Auch seine Liebe zum Komponieren hat er früh entdeckt. Seitdem sorgt er mit außergewöhnlichen Klangwerken für gespaltene Reaktionen beim Publikum. Sein kompromissloses Credo lautet: „Eine Kunst der Mitte ist uninteressant!“

„Ich kann mir nur Außenseiter als Genies vorstellen. In der Mitte des Weges gibt es keine große Kunst, gibt es nur Kompromisse. Jeder große Maler, jeder große Dichter, jeder große Wissenschaftler, jeder große Komponist lebt in einer ungewöhnlichen Welt für sich, in einer nicht gewöhnlichen Welt.“

Holligers Kompositionen irritieren und überraschen – er arbeitet mit Naturklängen, mit alten Schweizer Dialekten und mit Gedichten. „Cardiophonie“, ist z.B. ein Stück, das dem Rhythmus des Herzens folgt. Seine Themen führen an die Ränder der menschlichen Existenz, er geht mit seiner Musik immer wieder an die bisher bekannten Grenzen.

„Cardiophonie“ – der Rhythmus des Herzens

„Das ist meine einzige Möglichkeit zu komponieren. Für mich ist Komposition auch eine Auseinandersetzung mit meinen eigenen Grenzen, oder meine eigenen Grenzen immer weiter wegzustellen, die Grenzen immer mehr zu erweitern. Ich habe einige Stücke, die ihre eigene Agonie auskomponiert darstellen – wie das 1. Streichquartett: Das ist so eine Verlangsamung eines perpetuum mobiles über 35 Minuten, und gleichzeitig wird auch die Spannung der Saiten immer lockerer, die Saitenstimmung wird runtergedrückt, der Bogen hat immer weniger Energie, die Bewegungen werden immer langsamer, bis am Schluss nur noch so Atemgeräusche von den Streichern hörbar sind und man merkt, dass ein Instrument nach dem anderen stirbt.“

Über die Liebe zur Musik, den speziellen Charme der Oboe und seine Leidenschaft für musikalische Grenzüberschreitungen hat Heinz Holliger mit Matthias Hanselmannn gesprochen.

 

 

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