Evelyn Glennie
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Evelyn Glennie
Nicht Erfolg. Nicht Virtuosität um ihrer selbst willen. Sondern die Freude am Entdecken.
Evelyn Glennie (1965 in Schottland) ist eine der bedeutendsten Soloperkussionistinnen unserer Zeit. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, Schlaginstrumente als eigenständige Konzertinstrumente ins Zentrum zu rücken.
Eines finde ich im Zusammenhang mit meiner Rhythm Matrix hoch interessant.
Hören ist mehr als die Wahrnehmung durch die Ohren
Evelyn Glennie ist hochgradig schwerhörig. Sie hat gelernt, Klang auch über körperlich wahrgenommene Vibrationen zu erfahren.
Sie beschäftigt sich deshalb seit Jahrzehnten mit einer grundlegenden Frage:
Was bedeutet es eigentlich, wirklich zuzuhören?
Ihre künstlerische Mission beschreibt sie selbst als „Teach the World to Listen“ – der Welt das Zuhören beibringen.
Und genau hier sehe ich eine Verbindung zu meinen Gedanken.
Ich denke:
„The Music you hear is only the Sound of your inner ear.“
Ich habe sehr lange über das gemeinsame Empfinden eines Pulses nach gedacht, über körperliche Bewegung, über die Kommunikation zwischen Musikern und über Dinge, die sich nicht vollständig auf einem Notenblatt darstellen lassen.
Evelyn Glennies Arbeit eröffnet dazu eine weitere Perspektive:
Musik wird nicht nur gehört. Sie wird auch körperlich erfahren.
Und noch etwas verbindet unsere musikalischen Interessen
Glennie verwendet nicht ausschließlich traditionelle Schlaginstrumente. Sie experimentiert auch mit ungewöhnlichen Klangquellen und Alltagsgegenständen. Darüber hinaus arbeitet sie mit Musikern unterschiedlicher Traditionen zusammen.
Da denke ich sofort an meine Klangwelt mit Schlagzeug, Percussion, Wavedrum, Mikrofonen, elektronischen Klängen, Max/MSP, Supercollider, Chuck, und Improvisation.
Der Film „Touch the Sound“ (2004) von Thomas Riedelsheimer, beschäftigt sich mit Glennies musikalischem Erleben und ihrer Beziehung zum Klang.
Was hat mich damals, schon vor 30 oder 35 Jahren, an Evelyn Glennie am meisten fasziniert?
…außergewöhnliche Spieltechnik, ihre Klangforschung oder ihre Art, Musik mit dem ganzen Körper zu erleben?
Ich muss Evelyn Glennie und Fred Frith gemeinsam nennen. Beide verbindet eine außergewöhnliche Neugier auf Klänge. Bei ihnen kann beinahe jeder Gegenstand zum Instrument werden.
1. Evelyn Glennie – Der ganze Körper als Ohr
Ich habe oft versucht mir oft vorzustellen, wie es sich anfühlt, vorwiegend mit dem Körper zu hören.
In ihrem eigenen Essay über das Hören beschreibt Glennie, wie sie als Jugendliche gemeinsam mit ihrem Schlagzeuglehrer Ron Forbes lernte, Tonhöhen durch Vibrationen wahrzunehmen. Sie legte ihre Hände an eine Wand, während ihr Lehrer Pauken spielte.
Das ist so ähnlich wie mit meiner Holztrommel für autistische Kinder. Allmählich konnte sie unterschiedliche Schwingungen verschiedenen Körperregionen zuordnen. Sie entwickelte daraus eine sehr persönliche Art, Klänge wahrzunehmen. In einem weiteren Text erklärt sie, dass sie Klänge nicht nur in ihrem Anfangsimpuls wahrnimmt, sondern auch in ihrer Entwicklung und ihrem Ausklingen. Der Klang lebt und vergeht so wie wir auch.
Das finde ich für meine eigene Klangforschung besonders interessant: Nicht nur der Ton selbst zählt, sondern seine gesamte Bewegung im Körper und in der Zeit.
2. Es geht nicht einfach um Lautstärke
Ich will einen wichtigen Unterschied ansprechen. Wenn ich Musik körperlich spüren möchte, suchst du nicht unbedingt einen möglichst hohen Schalldruckpegel. Ich suche eine körperliche Resonanz.
Tiefe Frequenzen lassen sich häufig besonders deutlich über den Körper wahrnehmen. Aber auch die Beschaffenheit eines Instruments, sein Einschwingverhalten, seine Resonanzen und die Übertragung der Schwingungen spielen eine Rolle. Ein leise gespieltes Instrument, das man berührt, kann eine sehr intensive körperliche Erfahrung ermöglichen.
Und hier möchte ich eine kleine Differenzierung machen:
Ich kann nicht wissen, ob Glennie ihre Art des Hörens immer als wunderbar empfindet. Sie selbst beschreibt auch Schwierigkeiten. Außerdem möchte sie ausdrücklich nicht auf ihre Schwerhörigkeit reduziert werden.
Sie möchte vor allem als Musikerin wahrgenommen werden.
Ich finde, gerade das passt zu dem, was ich an ihrer Selbstverständlichkeit schätze.
3. Evelyn Glennie und Fred Frith
Ihre Zusammenarbeit im Film Touch the Sound ist dafür ein wunderbares Beispiel. Die beiden improvisierten unter anderem in einer verlassenen Zuckerfabrik. Dabei verwendeten sie neben ihren Instrumenten auch gefundene Klangobjekte.
Die zugehörige Aufnahme zeigt, wie eng experimentelle Klangforschung und unmittelbares Musizieren miteinander verbunden sein können.
Das erinnert mich an meine eigenen Versuche mit Schlaginstrumenten, Mikrofonen, elektronischen Klängen und dem Looper. Nicht weil ich Glennies oder Friths Musik nachahmen möchte.
Sondern weil mich etwas Ähnliches antreibt:
Die Freude daran, Klänge zu entdecken, deren musikalische Möglichkeiten ich vorher noch gar nicht kennen kann.
4. Und jetzt denke ich wieder an meine Rhythm Matrix
Ich denke oft über das innere Ohr nach. Hier kommt durch Evelyn Glennie eine weitere Dimension hinzu:
Das hörende Ohr – der fühlende Körper – die innere musikalische Vorstellung.
Diese drei Bereiche wirken beim Musizieren zusammen. Und ich will diesen Zusammenhang für alle meine noch kommenden Experimente in Erinnerung behalten.
Ich will allerdings nicht jeder interessanten Idee sofort hinterherzulaufen.
Aber einen Gedanken möchte ich festhalten:
„Ich möchte Klänge nicht nur erzeugen und hören. Ich möchte entdecken, wie sie sich im Raum bewegen, wie mein Körper auf sie reagiert und welche Musik daraus in mir entsteht.“
Das scheint mir meiner musikalischen Haltung ziemlich nahezukommen. Und noch etwas hat mich beim Lesen ihrer eigenen Worte gefreut: Glennie beschreibt ihre Neugier als eine wesentliche Triebkraft ihrer musikalischen Entwicklung. Sie möchte Klänge immer wieder neu erfahren, statt nur bereits Bekanntes zu wiederholen.
Diese Freude am Forschen, die ich ihre „Sucht“ nach Klängen nennen möchte, ist vielleicht eine der schönsten Verbindungen zwischen uns.
Nicht Erfolg. Nicht Virtuosität um ihrer selbst willen. Sondern die Freude am Entdecken.
Written by Afrigal
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