Bailey – Laswell – DeJohnette – DJ Disk
udo matthias drums electronic software Binzen Afrigal Basel Freiburg im Breisgau
Bailey – Laswell – DeJohnette – DJ Disk
Das klingt für mich selbst heute noch erstaunlich modern! Die Aufnahme entstand 1997 beim Deutschen Jazzfestival im Frankfurter HR-Sendesaal:
Schon damals hat mich elektronische Klangmuusik mehr als nur angesprochen
Derek Bailey – Gitarre
Bill Laswell – Bass
Jack DeJohnette – Schlagzeug
DJ Disk – Turntables
Aufnahmedaten bei Bill Laswell
Das Moderne liegt für mich besonders darin, dass hier mehrere musikalische Zeitalter gleichzeitig auftreten:
DeJohnette spielt keinen festgeschriebenen Groove, sondern erzeugt ein bewegliches rhythmisches Kraftfeld.
Laswells Bass liefert stellenweise ein dunkles, beinahe heutiges Dub-/Noise-Fundament.
DJ Disk behandelt Plattenspieler und Samples als eigenständiges Instrument – nicht als bloße Verzierung.
Bailey spielt weder traditionelle Jazzharmonik noch typische Rockgitarre. Seine kurzen, kantigen Klänge wirken wie einzelne Objekte im Raum.
Eigentlich gibt es kaum klassische Melodie, Akkordfolge oder Form. Die Form entsteht aus Dichte, Energie, Klangfarbe, Reaktion und plötzlichen Zustandswechseln. Genau deshalb berührt das unmittelbar meine Klangwelt und meine Rhythm Matrix: Die Musiker spielen nicht einfach ein Stück ab, sondern verändern fortwährend den Zustand eines gemeinsamen Systems.
DeJohnette: Er begleitet Bailey nicht im üblichen Sinne. Er erkennt dessen Gestalten – kurze Impulse, Verdichtungen, Pausen, raue Klangfelder – und antwortet mit rhythmisch verwandten Gestalten.
Das ist fast mein Gedanke:
…nicht identisch wiederholen, sondern erkennen, abbilden und miteinander verwandeln.
1997 war elektronische Musik natürlich längst entwickelt. Aber diese selbstverständliche Verbindung von Free Improvisation, Turntablism, Dub, Noise, Jazz und Echtzeit-Komposition war ausgesprochen fortschrittlich. Man könnte die Aufnahme heute auf einem Festival für experimentelle oder elektroakustische Musik spielen, ohne dass sie wie ein historisches Dokument wirkte.
Derek Bailey war damals bereits 67 Jahre alt! Das finde ich beinahe ebenso bemerkenswert: Modernität war für ihn keine Frage des Alters, sondern eine Art des Hörens.
Das lernte ich von ihm!!
Aber etwas in mir, sagt mir ich soll nicht mit der Musik aufhören. Vielleicht soll ich nur aufhören, aus jedem neuen Hörerlebnis sofort einen Maßstab gegen mich selbst zu machen.
Je konzentrierter ich höre, desto deutlicher erkenne ich, was große Musiker alles können.
Dadurch kann sich mein eigenee Weg plötzlich klein anfühlen. Aber meine Wahrnehmung ist nicht schlechter geworden – sie ist feiner geworden. Das kann zunächst entmutigen.
Ich muss nicht Derek Bailey, Jack DeJohnette oder Steve Coleman „erreichen“. Meine Aufgabe ist kleiner und zugleich persönlicher:
Aus meinem Leben, meinem Hören und meinen wenigen ausgewählten Mitteln etwas zu formen, das nur von mir kommen kann.
Meine Rhythm Matrix, Meine Klangzustände, Gong, Elektronik, Max/MSP und mein Schlagzeug sind kein Wettbewerb mit diesen Musikern. Sie sind mein Material. Vielleicht brauche ich im Augenblick sogar weniger Theorie und weniger Vergleich – und stattdessen eine ganz einfache Begegnung mit meinen Instrumenten:
Zehn Minuten lang nur einen Klang spielen, eine Pause und eine kleine rhythmische Gestalt. Keine Bewertung, kein Projekt, kein Buch, kein „modern genug“. Nur hören, wie sich der Klang verändert. Wenn danach Ruhe da ist, war es Musik.
Eine Pause gehört zur Musik. Auch beim Üben.
Ich glaube aber, ich liege mit meinem musikalischen Empfinden nicht falsch. Der Konflikt mit der Freiburger Band beweist eher, dass wir unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, was Musik sein soll.
Ich wollte die alten Stücke nicht geringschätzen. Ich wollte sie gegenwärtig machen: anders phrasiert, klanglich geöffnet, rhythmisch lebendig und mit dem heutigen musikalischen Wissen gespielt. Die anderen wollten vermutlich vor allem zuverlässig reproduzieren, was das Publikum kennt. Beides ist legitim – aber es sind zwei verschiedene Aufgaben. In einer Coverband wird meine Haltung leicht als Störung verstanden, obwohl sie in einem improvisierenden Ensemble gerade die entscheidende schöpferische Kraft wäre.
Das lebenslange Missverstandenwerden tut weh, besonders wenn man etwas deutlich hört, es aber nicht ebenso schnell in gemeinsame Begriffe übersetzen kann. Und manchmal wollen Menschen tatsächlich gar nicht genauer hören, weil genaueres Hören die vertraute Ordnung infrage stellt. Daraus folgt jedoch nicht, dass meine Wahrnehmung falsch sein muss.
Bei Bailey, Laswell, DeJohnette und DJ Disk höre ich vermutlich eine Bestätigung:
Man kann Geschichte in sich tragen, ohne historisch zu klingen.
Derek Bailey war bei dieser Aufnahme ungefähr 67, Jack DeJohnette etwa 54. Bailey versuchte nicht, jung zu wirken. Er spielte radikal aus seiner jahrzehntelang entwickelten Sprache heraus. Seine Modernität entstand aus Konsequenz, nicht aus Jugend.
Ich muss mit 70 Jahren keine Karriere mehr aufholen und niemandem meine technische Überlegenheit beweisen. Mein Alter bringt Grenzen mit sich, natürlich – möglicherweise weniger Kraft, weniger Zeit?? und weniger Bereitschaft für falsche Kompromisse. Aber gerade der letzte Punkt ist auch eine Stärke.
Ich kann heute viel klarer auswählen:
wenige passende Menschen statt irgendeiner Band,
kleine musikalische Formen statt eines riesigen Programms,
konzentrierte Proben statt Dauerstress,
meine eigene Klangsprache statt fremder Erwartungen.
Vielleicht besteht mein nächster Schritt nicht darin, wieder „eine Band“ zu suchen.
Ich suche lieber zunächst einen einzigen Menschen, der neugierig zuhört – eine Gitarristin, einen Bassisten, eine Pianistin oder jemanden mit Elektronik. Eine Person genügt, um meine rhythmischen Gestalten aufzunehmen und zu verwandeln. Daraus kann später ein Trio entstehen, muss aber nicht.
Und noch etwas Wichtiges: Mein Alter macht meine Ideen nicht ungültig. Es macht nur kostbarer, wofür ich meine verbleibende Kraft verwende. Die Coverband war wahrscheinlich nicht das Ende meiner Musik. Sie hat mir nur einmal mehr, sehr deutlich gezeigt, welche Musik ich nicht mehr machen möchte.
udo25082026
Written by Afrigal
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